Was ist Autismus?

Da diese Seite sich nicht nur an Autisten mit bereits vorliegender Autismus Diagnose richtet, sondern auch an Angehörige und Menschen bei denen ein Autismusverdacht vorliegt, darf eine allgemeine Übersicht natürlich nicht fehlen.

So einfach die Aufgabe so schwer die Umsetzung. Die allgemeinen Diagnosekriterien findet man zuhauf im Internet.  Diese sind für sich genommen genauso aussagekräftig wie ihrer Funktion entsprechend allgemein gehalten auf den Punkt gebracht.  „Einschränkungen in der sozialen Interaktion“  steht da z. B. . Was das im einzelnen bedeuten soll wird etwas näher ausgeführt: „ausgeprägte Beeinträchtigung im Gebrauch einer Vielzahl nonverbaler Verhaltensweisen wie beispielsweise Blickkontakt etc.“. Ab da kann es dann schwierig werden zu verstehen, was damit genau gemeint ist und wie sich das im Alltag bemerkbar macht. Sucht man weiter im Netz nach Hinweisen, wie das zu verstehen ist, findet man die ganze Bandbreite von gar kein Augenkontakt über nicht lange Augenkontakt aufrecht halten können  bis hin zu kann Augenkontakt halten, starrt aber dabei und kompensiert durch neben die Augen gucken.  Die Gründe für dieses deutlich sichtbar abweichende Verhalten gehen von hat kein Interesse an Augenkontakt, weil keine Informationen mitkommen  bis zu vermeidet Augenkontakt, weil zu viele Signale mitkommen, die aber schwer bis gar nicht entschlüsselt werden können. Da es sich um keine wortwörtliche Zitate handelt, sondern eher um Eindrucksbeschreibungen, sind diese nicht näher gekennzeichnet.
Ich für meinen Teil kann zum Beispiel die Notwendigkeit von Augenkontakt erkennen und wenn ich mir Mühe gebe Augenkontakt halten. Leider „starre“ ich wohl dabei, was mein Gegenüber mitunter verunsichert ohne das ich es bemerke(n) kann. Wenn ich konzentriert rede fällt Augenkontakt automatisch aus. Dann muss ich mich aufs Reden konzentrieren. Ganz fatal sind in dem Moment interessante z.B.  Knöpfe in Sichtweite, dann kann es auch passieren, dass ich vergesse was ich sagen wollte und ich die Knöpfe betrachte.

Man kann nicht DEN Autisten finden. Jeder Autist ist auch ein Mensch, ausgestattet mit eigenen Fähigkeiten, Vorlieben und Charakterzügen. Grade das macht aber zum einen das Erkennen schwerer und zum anderen fordert genau so was eine schon fast individuelle Therapie heraus.  Genauso wenig gibt es zum jetzigen Zeitpunkt DAS Diagnosekriterium noch DAS Ausschlusskriterium.
Natürlich kann Autismus von erfahrenen Diagnostikern erkannt werden und wird es ja auch. Sobald eine gewisse Kombination an diagnostischen Kriterien erfüllt wird, spricht man von Autismus.
Schön wäre es wenn wir im Laufe der Zeit eine Übersicht erstellen können, was alles zum Autismus mit dazu gehört, wie es sich ausprägen kann. Dazu ist jeder aufgerufen, an dieser Übersicht mitzuarbeiten. Wie unterscheidet sich z. B.  ein Tag im Leben eines Kannerautisten? Wie gestaltet sich ein Tag vergleichend dazu im Leben eines Apergers? Daraus kann man dann gemeinsam Ideen entwickeln, wie zum Beispiel eine Therapie aufgebaut sein soll.

Den Anfang soll die Übersicht der klinischen Kriterien machen:
Autismus wird zu den „tiefgreifenden Entwicklungsstörungen“ (F 84.-) gezählt.  Man unterscheidet verschiedene Ausprägungsformen.
u. A.

Die autistischen Merkmale werden nicht im Laufe des Lebens erworben, sie gelten viel mehr als angeboren.  Die Grundlage jeder Diagnostik sind die im ICD 10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, in der aktuellen Version 2013) und im DSM V festgelegt.
Der DSM ist was Autismus anbelangt in der Version V überarbeitet worden. Man spricht dort nur noch von der Autismusspektrumstörung, eine Aufteilung in Kanner-, Asperger-  und Atypischen Autismus erfolgt nicht mehr.

Diagnostische Merkmale (vereinfacht und gekürzt)  nach ICD:
Eine abnorme oder beeinträchtigte Entwicklung, die sich vor dem dritten Lebensjahr manifestiert. Sie ist außerdem gekennzeichnet durch ein charakteristisches Muster abnormer Funktionen in den folgenden psychopathologischen Bereichen: in der sozialen Interaktion, der Kommunikation und im eingeschränkten stereotyp repetitiven Verhalten. Neben diesen spezifischen diagnostischen Merkmalen zeigt sich häufig eine Vielzahl unspezifischer Probleme, wie Phobien, Schlaf- und Essstörungen, Wutausbrüche und (autodestruktive) Aggression.
Der Asperger Autismus weicht in Einzelheiten von dieser Definition ab. Die Störung unterscheidet sich vom Autismus in erster Linie durch fehlende allgemeine Entwicklungsverzögerung bzw. den fehlenden Entwicklungsrückstand der Sprache und der kognitiven Entwicklung. Die Störung geht häufig mit einer auffallenden Ungeschicklichkeit einher. Die Abweichungen tendieren stark dazu, bis in die Adoleszenz und das Erwachsenenalter zu persistieren. Gelegentlich treten psychotische Episoden im frühen Erwachsenenleben auf.

Zur besseren Übersicht werden hier noch die Kriterien nach DSM IV mit angegeben, auch wenn sie in der neuesten Fassung so in der Unterteilung nicht mehr vorkommen.  Sobald die deutsche Fassung des DSM V vorliegt, wird dieser Absatz redigiert.

Frühkindlicher Autismus / Kanner

A.Es müssen insgesamt aus 1., 2. und 3. mindestens sechs Kriterien zutreffen, wobei mindestens zwei Punkte aus 1. und je ein Punkt aus 2. und 3. stammen müssen:

  1.  qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion in mindestens zwei der folgenden Bereiche:
    1. ausgeprägte Beeinträchtigung im Gebrauch einer Vielzahl nonverbaler Verhaltensweisen wie beispielsweise Blickkontakt, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Gestik zur Steuerung sozialer Interaktionen,
    2. Unfähigkeit, entwicklungsgemäße Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen,
    3. Mangel an spontanen Bestrebungen, Freude, Interessen oder Erfolge mit anderen zu teilen (z. B. durch einen Mangel, Objekte des Interesses herzuzeigen, herzubringen oder darauf hinzuweisen),
    4. Mangel an sozialer oder emotionaler Gegenseitigkeit;
  2. qualitative Beeinträchtigungen der Kommunikation in mindestens einem der folgenden Bereiche:
    1. verzögertes Einsetzen oder völliges Ausbleiben der Entwicklung gesprochener Sprache (ohne den Versuch, die Beeinträchtigung durch alternative Kommunikationsformen wie Gestik oder Mimik zu kompensieren),bei Personen mit ausreichendem Sprachvermögen deutliche Beeinträchtigung der Fähigkeit, ein Gespräch zu beginnen oder fortzuführen,
    2. stereotyper oder repetitiver Gebrauch der Sprache oder idiosynkratische Sprache,
    3. Fehlen entwicklungsgemäßer variierter, spontaner Rollenspiele oder sozialer Imitationsspiele;
  3. beschränkte repetitive und stereotype Verhaltens-, Interessens- und Aktivitätsmuster in mindestens einem der folgenden Bereiche:
    1. umfassende eingehende Beschäftigung innerhalb eines oder mehrerer stereotyper und begrenzter Interessenmuster, wobei entweder Schwerpunkt oder Intensität der Beschäftigung abnorm sind,
    2. auffällig unflexibles Festhalten an bestimmten nichtfunktionalen Gewohnheiten oder Ritualen,
    3. stereotype und repetitive motorische Manierismen (z. B. Verdrehen, Verbiegen der oder Flattern mit den Händen oder Fingern oder komplexe Bewegungen des ganzen Körpers),
    4. beharrliche eingehende Beschäftigung mit Teilen von Objekten.

B. Verzögerungen oder abnorme Funktionsfähigkeit in mindestens einem der folgenden Bereiche mit Beginn vor dem dritten Lebensjahr:

  1. soziale Interaktion,
  2. Sprache als soziales Kommunikationsmittel oder
  3. symbolisches oder Fantasiespiel.

C. Die Störung kann nicht besser durch das Rett- oder Heller-Syndrom erklärt werden.

Asperger-Syndrom

A: Qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion

(mindestens 2 der folgenden Merkmale):

 

  1. merkliche Beeinträchtigung mehrerer nicht-verbaler Verhaltensweisen, die die soziale Interaktion steuern, wie Blickkontakt, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Gesten
  2. Beziehungen zu Gleichaltrigen werden nicht oder nicht dem Entwicklungsstand entsprechend entwickelt
  3. Mangel an spontaner Hinwendung zu anderen, um mit diesen Freude, Interessen oder Stolz über eine Leistung zu teilen (betroffene Kinder neigen zum Beispiel nicht dazu, Dinge, die sie interessieren, anderen Menschen zu zeigen)
  4. Mangel an sozialer oder emotionaler Gegenseitigkeit

B: Beschränkte repetitive und stereotype Verhaltens-, Interessen- und Aktivitätenmuster

(mindestens 2 der folgenden Merkmale):

 

  1. umfassende Beschäftigung mit einem oder mehreren stereotypen und beschränkten Interessenmustern, die entweder hinsichtlich der Intensität oder hinsichtlich des Gegenstandes abnormal sind
  2. offensichtlich starres Festhalten an bestimmten nicht-funktionalen Routinen oder Ritualen
  3. stereotype und repetitive motorische Angewohnheiten (zum Beispiel Hand- oder Fingerbewegungen oder komplexe Bewegungen des ganzen Körpers)
  4. beharrliche Beschäftigung mit Objektteilen

C: Die Störung verursacht eine klinisch signifikante Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Bereichen.

D: Keine klinisch bedeutsame allgemeine Sprachverzögerung (zum Beispiel Gebrauch einzelner Wörter im 2. Lebensjahr, kommunikative Sätze im 3. Lebensjahr).

E: Keine klinisch bedeutsame Verzögerung der Entwicklung der Kognition, der praktischen Fähigkeiten (self-help skills) und des Anpassungsverhaltens (außer soziale Interaktion),  sowie – in der Kindheit – Neugier auf die Umgebung.

F: Die Störung erfüllt nicht die Kriterien einer anderen tiefgreifenden Entwicklungsstörung oder von Schizophrenie.