Auticare auf dem 32c3

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Im Dezember 2015 waren wir wieder auf dem jährlichen Kongress des Chaos Computer Club, dem 32C3 vertreten.
Wie in jedem Jahr arbeiten wir dort eng mit dem Chaospatinnen Projekt zusammen, welches es sich zum Ziel gesetzt hat, neuen Gästen den Besuch ihres ersten Chaos-Communication-Congress so leicht wie möglich zu machen.

Bei diesem Projekt können sich Menschen im Vorfeld anmelden, die bisher noch nie ein solch riesiges CCC-Event besucht haben und vielleicht unsicher sind, was sie dort erwartet, wie sie sich zurechtfinden sollen oder wie man dort in Kontakt kommt.

Wir von Auticare übernehmen im Rahmen dieses Projektes in jedem Jahr speziell die Betreuung von Menschen aus dem autistischen Spektrum. Und wie jedes Jahr, war es auch diesmal ein voller Erfolg und ein Riesenspass für alle Beteiligten.
Das Chaospatinnen Projekt hat in diesem Jahr mehr als 230 Neuankömmlinge betreut. Dabei waren wir insgesamt ein Team von über 40 Mentoren und Mentorinnen.

Da sich inzwischen erfreulicherweise auch immer mehr Autisten auf den Kongress trauen (über 200 zu denen wir Kontakt haben), haben wir auch hier inzwischen ein fantastisches mehrköpfiges Team, dass sich der Bedürfnisse der Autisten in Zusammenarbeit mit dem CERT (Chaos Emergency Response Team) und dem Awareness-Team annimmt. Gemeinsam sorgen wir für Rückzugsräume, führen Gespräche, geben Tips oder begleiten Autisten durch den Kongress.
In diesem Jahr hatten wir auch wieder jugendliche Autisten zu Gast, die sich beispielsweise am Junghackertag in Löt- oder Elektronikworkshops vergnügt haben. Dabei erleben wir regelmäßig, dass selbst sonst eher zurückgezogene Jugendliche in dieser unglaublich freundlichen und lockeren Atmosphäre des Kongresses regelrecht aufblühen.
Im Folgenden möchten wir beispielhaft einen tollen Blogpost von KAOS veröffentlichen, in dem sie eindrucksvoll beschreibt, wie sie sich auf den Kongress vorbereitet hat und wie sie dieses Mega-Event letztlich erlebt hat.

Vielleicht kann dieser Blogpost ja dazu beitragen, dass der ein oder andere, der bisher noch gezögert hat, sich im kommenden Dezember traut diese superfreundliche Hacker-Community auf dem 33C3 zu besuchen.

Der Blogpost von KAOS ist im Original in Englisch gehalten. Hier drucken wir mit ihrer freundlichen Genehmigung eine deutsche Übersetzung ab. Das Original findet ihr hier.

 

Hier nun der Beitrag von KAOS:

Sechs Dinge die mir geholfen haben, den 32c3 als Autist zu überleben.

1. Ermutigung
Alles hat lange vor dem Kongress angefangen. Ich habe mir Talks von den vorherigen Kongress Veranstaltungen angesehen und habe mir die Leute angeschaut die dort hingegangen sind. Ich hatte jedoch schlechte Erfahrungen mit anderen großen Events gemacht, wie dem Przystanek Woodstock, oder der re:publica. Daher hatte ich viel zu lange Angst davor auf einen C3 zu gehen.
Dann habe ich von den Chaospatinnen gelesen, dem Kongress eigenen Mentoring System und ich habe gesehen, dass sie sogar speziell Autisten unterstützen.
Da habe ich zum ersten Mal gedacht, dass ich das schaffen kann. Ich hatte immer noch Angst, aber die Entscheidung stand fest, dass ich es versuchen wollte.

2. Vorbereitung
Der C3 kann sehr stressig sein, nicht nur wegen all der Menschen und dem Lärm, sondern auch wegen der unbekannten Situation und dem zunächst recht chaotisch wirkenden Ort. Das gilt vermutlich für jeden dort, aber noch mehr für Menschen aus dem Spektrum.
Um dieses Problem anzugehen, habe ich alles so gut durchgeplant wie möglich. Ich habe mir mehr als einmal den Plan des Gebäudes und der Umgebung angesehen. Ich habe mir angeschaut, wie ich von meinem Hotel zum Kongress komme (bei Tag und Nacht). Ich habe den gesammten Fahrplan (Anm. d. Red.: Das ist der Vortragsplan des Kongresses) gelesen und mich früh entschieden, welche Talks und Workshops ich besuchen möchte. Letztlich habe ich die Anzahl der Talks und Workshops auf einige wenige reduziert, so dass ich genug Zeit haben würde um umherzulaufen, Menschen zu treffen und zu relaxen.
Dann habe ich mir einen Zeitplan erstellt, inklusive Pausen von mehreren Stunden jeden Tag um zu meinem Hotelzimmer zu fahren und eine Pause einzulegen.
Sehr hilfreich war die Möglichkeit einen Tag vor dem Kongress in Hamburg anzukommen. Ich konnte mir mein Eintrittsbändchen schon vorher holen, ohne allzu lange in der Schlange warten zu müssen und ich hatte den ganzen Abend um meine Mentorin (Anm. d. Red.: Die Mentorin war Sam Becker) zu treffen, mich herumführen zu lassen und die Leute von Diaspora zu treffen.

3. Unterstützung
Das vielleicht Wichtigste war die Unterstützung durch das Chaospatinnen Projekt. Wir hatten zuvor einige Emails geschrieben und ich habe meine Situation dargelegt – mögliche Probleme die mir begegnen könnten besprochen und was ich unternehmen könnte um damit umzugehen. Als ich also ankam, waren meine Mentorin und die anderen Organisatoren bereits auf alles vorbereitet und ich musste nicht viel erklären. Das beste war; meine Mentorin war auch Autistin und sie konnte meine Ängste verstehen.
Die Chaospatinnen hatten ihre eigene kleine Area, wo ich jederzeit hingehen konnte um Unterstützung zu bekommen und wo ich mich auch in einen Lagerraum zurückziehen konnte. Am zweiten Tag hat mir meine Mentorin gesagt, dass sie auch den Schlüssel für einen extra Ruheraum bekommen kann, wenn ich das bräuchte. Das war eine große Erleichterung, da dies bedeutete ich musste nicht jeden Mittag zurück in mein Hotel (40 Minuten eine Fahrt) um eine Pause einzulegen. Es stellte sich heraus, dass ich sogar ohne diesen Ruheraum auskam, aber es war gut zu wissen, dass er da war, wenn ich ihn brauchen würde.

4. Disziplin
Das ist etwas worin ich nicht gut bin. Unglücklicherweise benötige ich mehr Disziplin als andere Menschen, einfach weil „normale“ Situationen stressiger für mich sind als für andere und ich muss meine Energie sorgfältig rationieren. Es war im Vorfeld ganz offensichtlich, dass ich nicht in der Lage sein würde den Kongress 4 Tage durchzustehen, ohne mehr Pausen einzulegen als „neurotypische“ Menschen. Also habe ich geplant, eine lange Pause am Tag einzulegen und zusätzlich noch mehrere kleinere Pausen, etwa alle 90 Minuten, in ruhigen Bereichen des Gebäudes oder außerhalb (Zum Glück gibt es dort einen großen Park :) ).
Nun, zumindest war das der Plan. Die Realität, das weiß ich aus vielen anderen Situationen, sieht meist jedoch so aus: Ich führe ein interessantes Gespräch mit jemandem wenn ich merke, dass mein Stresslevel hochgeht. Es ist dann aber noch aushaltbar und ich will dann nicht gehen, einfach weil ich das Gespräch genieße, oder weil ich nicht unhöflich sein will. Wenn ich aber dann zu lange warte, bin ich danach ausgebrannt und brauche eine lange Pause und wenn ich das häufiger mache, geht es mir danach so schlecht, dass ich nach hause gehen muss und mehrere Tage zum erholen brauche. Um dem vorzubeugen brauche ich mehr Disziplin, als ich tatsächlich habe. 😉
Am Ende habe ich jedoch eine gute Balance gefunden, zwischen bleiben-weil-es-Spass-macht und eine-Pause-einlegen-wenn-ich-gestresst-bin. Ich bin im Park spazieren gegangen und habe Zeit alleine in dem Lagerraum verbracht mit ausgeschaltetem Licht.

5. Atmosphäre
Ein weiterer Faktor war die Atmosphäre auf dem Kongress. Nicht nur wegen der Menschen, die ich dort getroffen habe, sondern auch wegen der Dekoration und den gedimmten Lichtern fast überall. Es mag banal klingen, aber die gedimmten Lichter waren sehr hilfreich, da ich leicht eine sensorische Überlastung bekomme wenn ich inmitten vieler Menschen bin, es laut ist und es dann auch noch viel zu sehen gibt. Daher hat es der reduzierte visuelle Input es mir leichter gemacht, mit dem Lärm umzugehen.
Aber ebenso wichtig waren die Menschen auf dem Kongress. Normalerweise, in meinem alltäglichen Leben, bekomme ich manchmal negative Reaktionen, wenn ich einfach ich selbst bin, oder meine Schwierigkeiten erwähne. Auf dem C3 konnte ich sicher sein, dass niemand einen blöden Kommentar über mein Verhalten abgibt und die Menschen meine Probleme ernst nehmen. Ich habe bereits über den großartigen Support durch die Chaospatinnen geschrieben, aber ich muss es nochmal sagen: Die haben mir mit ihrem Verständnis so unglaublich geholfen. Das war wahrscheinlich das erste Mal in meinem Leben, dass ich einfach geradeheraus sagen konnte, wo meine Probleme liegen und was ich brauche und diese Menschen haben ausschließlich positiv und auf untertützende Art reagiert. Niemand hat meine Bedürfnisse angezweifelt, niemand hat sie kleingeredet. Dies hat letztlich meinen Ansatz mit meinem Autismus umzugehen verändert ! Ich habe mich so bestärkt gefühlt, dass es für mich viel einfacher war um Hilfe zu bitten. Ich konnte das ganz beiläufig (selbstverständlich) tun, ohne mich ängstlich fragen zu müssen, wie die andere Person reagieren würde. Das war eine extrem wichtige Erfahrung für mich.

6. Vertrautheit
Die letzten Zwei Tage des Kongresses waren viel weniger stressig als die ersten beiden. Ich hatte mich in der Umgebung eingewöhnt und hab mich zuhause gefühlt. Es gab dort die Diaspora Assembly, meine Homebase, wo ich mehrmals am Tag vorbeigegangen bin um ein paar vertraute Gesichter zu sehen und wo ich meine Sachen lassen konnte, wohl wissend, dass sie dort sicher aufgehoben waren. Dann gab es da die kuschligen Bereiche des Gebäudes mit netter Dekoration, gedämpftem Licht und ohne Musik. Es gab den Kidspace mit dem Spiel Dance Dance Revolution (Ja das hab ich viel gespielt ^^) und nicht allzu vielen Menschen.
Die meiste Zeit habe ich einfach mit wundervollen Menschen abgehangen. Ich hab meine Schuhe ausgezogen und wenn ich eine Mate von der Bar haben wollte oder zur Toilette musste, bin ich einfach auf Socken dorthin gelaufen. Somit hat sich der gesammte Ort irgendwie wie mein Wohnzimmer angefühlt, abgesehen von der Tatsache, dass es ein gigantisches Wohnzimmer war, dass ich mir mit 12000 anderen Menschen geteilt habe. 😉

Schlussendlich bin ich froh, dass ich zum 32c3 gegangen bin, obwohl ich hinterher total fertig war und mehr als eine Woche gebraucht habe um wieder auf Normallevel zu kommen. Das war es wert.
Ich hoffe, wenn ihr in einer ähnlichen Situation seid, dass dieser Post euch ermutigt auch an einem derartigen Event teilzunehmen. Vielleicht der 33c3. :)

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