Asperger, ich <-> ich, Asperger

Seit ein paar Tagen geht mir die Idee zu diesem Artikel im Kopf herum.
Man liest viel von Menschen, die darüber schreiben, wie sie ihren Autismus erleben.
Die Erzählungen die man liest, umfassen ein ähnlich großes Spektrum, wie der Autismus selbst.
Da gibt es Menschen, die kaum Probleme haben und vergleichsweise gut durch den Alltag kommen.
Es gibt Menschen, die sehr unter ihrem Autismus leiden.
Es gibt liberale Stimmen, es gibt kritische Stimmen und es gibt auch radikale Stimmen.
Es gibt auch Stimmen von Angehörigen. Aber, in dieser Gruppe gibt es wie ich finde, sehr wenige Berichte von Partnern.
Lebenspartner und Ehepartner.
Ich möchte in diesem Artikel schildern, wie ich das Asperger-Syndrom meiner Frau erlebe.

Als ich meine Frau vor nunmehr etwa 10 Jahren kennen- und lieben gelernt habe, galt sie gemeinhin als etwas „schräg“.
Mir war das nur recht, denn ich hatte eine ausgeprägte Schwäche für „schräge“ Menschen. Das sogenannte Normale war mir immer schon zu langweilig.
Unsere Beziehung entwickelte sich, obwohl wir die ersten acht Jahre durch eine sehr harte Zeit gegangen sind, deren Auswirkungen immer noch deutlich spürbar sind.
Wie in jeder Beziehung gab es Hochs und Tiefs. Doch irgendwann kam der Zusammenbruch. Meine Frau konnte nicht mehr. Es musste Hilfe her. Nach einer langen Phase des Suchens kam schließlich die Diagnose Asperger-Syndrom mit Inselbegabung (visuelles / Hyperthymestisches Gedächtnis). Was zunächst wie ein Schock wirkte, war nach einer gewissen Akzeptanzphase, gleichzeitig auch eine Befreiung.

Von jetzt an wurde es auch für unsere Beziehung deutlich einfacher.
Wir begriffen endlich, wieso wir intuitiv bestimme Arrangements in unserer Beziehung getroffen hatten. Plötzlich ergaben unglaublich viele Dinge einen Sinn.
Das hat unglaublich geholfen. Dinge, die mich früher vielleicht genervt haben, nehme ich heute mit Humor. Das ist eben ihre Art.
Dinge, die ich früher vielleicht persönlich genommen hätte, gehen heute an mir vorbei, weil ich weiß, wie es gemeint ist.

Ein Beispiel:

Mal so unter uns Männern. Es gibt da so gewisse Fragen, wenn einem die von einer Frau gestellt werden, kann man nur verlieren.
Egal was man antwortet.
Eine solche Frage lautet zum Beispiel: „Schatz, die Frau da drüben. Sieht die besser aus als ich?“
Egal was einem jetzt als Antwort durch den Kopf schießt; Es ist die falsche Antwort.
Früher wären jetzt Herzrasen, Panik und Schweißausbrüche im Anmarsch gewesen.
Heute hingegen bekommt sie einfach eine detailierte Erklärung der Unterschiede. Unfassbar? Ja! Aber es funktioniert tatsächlich :)
Der Hintergrund ist schnell erklärt:
Meine Frau hat kein Selbstbild. Sie hat zwar ein Bildergedächtnis, aber sie hat kein Gesamtbild. Keine Interpretation der Informationen.
Das bedeutet, wenn sie in den Spiegel schaut, sieht sie Augen, Nase, Mund, usw. Aber sie sieht nicht das Gesamtbild.
Man könnte sagen, sie sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Ihre Frage war also nicht z.B. eifersüchtiger Natur, es ging lediglich um eine ehrliche Definition, um das eigene Selbstbild besser zusammensetzen zu können.

So einfach kann das Verstehen autistischer Menschen manchmal sein.

Ein anderer Punkt, warum unsere Beziehung heute so gut funktioniert ist folgender:
Da autistische Menschen häufig Probleme in verschiedenen sozialen Bereichen haben, ist es nicht verwunderlich, dass sie oft auch dem Konzept der Lüge eher abgeneigt sind.
Meiner Frau z.B. ist Lügen einfach viel zu anstrengend. Und da es am Ende meist eh rauskommt findet sie das schon rein effizienzbedingt eher unterdurchschnittlich sinnvoll.
Was folgte, war ein recht langer und schwieriger Weg. Ein Weg, bei dem beide sehr viel von sich selbst aufgegeben haben. Der uns aber unter dem Strich einander wesentlich näher gebracht hat.

Wir haben uns das Lügen in der Beziehung konsequent abgewöhnt. Für sie war nichts schlimmer als eine Lüge. Somit war das eine logische Konsequenz.
Heute ist das eigentlich ganz normal und selbstverständlich geworden. Ich weiß, genau wie sie, egal um was es geht, wir kriegen das hin. Es aber zu verschweigen, macht es nur schlimmer.

Dadurch sind wir im Laufe der Zeit zu einem richtig tollen Team geworden. Der eine weiß, was der Andere weiß und umgekehrt.
Natürlich haben wir auch heute noch hin und wieder Reibereien. Aber in der Regel können wir schon ne halbe Stunde später über die Geschichte lachen, da es bloß wieder ein weiteres, unerforschtes Missverständnis zwischen NTs und Autisten war.

Durch diese enge Bindung habe ich letztlich auch sehr viel über mich selbst gelernt.
Ich selbst komme von meiner größten Leidenschaft von Kindesbeinen an, eher aus der Nerdszene. (Und ich gehöre noch zu der Generation, in der Nerds noch nicht die coolen Jungs waren, die den Mädels die Handys reparieren konnten. Damals war das fast noch ein Schimpfwort)

Ich bin selbst zwar kein Autist, scheine mich aber wie viele Nerds, nach am oberen Rand aufzuhalten. Wie jemand, der am Beckenrand steht und sich nicht traut reinzuspringen.
Nach und nach sind mir immer mehr Dinge aus meiner eigenen Vergangenheit aufgefallen, für die ich in den typischen Verhaltenmustern meiner Frau einige verblüffende Parallelen fand.
Vielleicht kommt daher der geflügelte Satz, dass auf Nerdtreffen immer ein ziemlich hoher Faktor an autistischen (im positivsten Sinne) Genen vorhanden ist.

Mit jedem Tag stelle ich eigentlich fest, das wir uns gar nicht so unähnlich sind, wie es auf den ersten Blick erscheint. Wenn man sich mal bewusst entschieden hat, nicht hinter jedem kleinen sozialen Fehltritt den Untergang der Sitten zu sehen und wenn man bereit ist einfach mal über bestimmte Nichtigkeiten hinwegzusehen, dann spielt der Autismus eigentlich keine Rolle mehr. Er ist für uns vielmehr zu einer spannden Entdeckungsreise geworden, auf der wir bis jetzt unglaublich viele spannende Leute kennengelernt haben. Sowohl in der Nerdszene der NTs , wie auch unter den Autisten, den Künstlern oder ganz allgemein unter den NTs. Wir stießen auf viel Unwissen und Klischees auf beiden Seiten, aber auch reges Interesse und Wissbegier. Und deshalb ist die Kommunikation und die unablässige beiderseitige Aufklärung in unseren Augen der einzige Weg der zu einer dauerhaften Verbesserung der Inklusion von Autisten führt.

Mein Fazit?

Autismus kann wahnsinnig anstrengend sein. Für beide Seiten. Zumindest so lange er als Barriere zwischen beiden „Welten“ extistiert. Wenn man aber gelernt hat, den Autismus als eine natürliche Variante zu akzeptieren, die uns NTs in so mancher Hinsicht einen Spiegel vorhält und man das so hinnimmt, dass man anfängt es im Alltag zu vergessen, dann ist das meine Vorstellung von Inklusion.

Ich für meinen Teil, möchte jedenfalls auf den Autismus meiner Frau Sam genausowenig verzichten, wie auf meine Frau selbst.

 

Marco